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Ein Pflegejahr (1) – für mich!

Jede Zeit hat ihren Geist. Es scheint fast so, als wären in der Geschichte der Menschheit die Zeiten des Friedens eher Übergangszeiten zwischen den Kriegen. Der Mensch, der ständig danach strebt, besser zu werden, gerät natürlicherweise an seine Grenzen. Erreicht er sie, strebt er danach, sie zu überwinden. Er strebt auch dann danach, wenn es nötig ist, fremde Grenzen zu überwinden. So gibt es seit Menschengedenken Krieg.

 
Als ich 18 Jahre alt war, hatte Deutschland zwar keinen Kaiser mehr, wohl aber ein stehendes Heer, das sich nicht aus Freiwilligen, sondern zwangsweise aus der männlichen, deutschen Bevölkerung rekrutierte. Jeder Mann hatte also die Pflicht, seinem Land und seinen Menschen zu dienen. Mann hatte im Grunde keine Wahl. 
Die Devise lautete: Entweder Du leistest Deinen Wehrdienst oder einen Wehrersatzdienst ab! Alternative Routen führten nur über eine Ausmusterung wegen Untauglichkeit oder zur Inhaftierung. 
Zu der Zeit, in der ich gemustert wurde, war es ein Leichtes, sich ausmustern zu lassen. Geschichten, wie einfach es war, zogen durch das Land wie weißes Pulver durch die Nasen von Schlagerstars. Erinnern Sie sich selbst, wie es war, als sie eingezogen werden sollten? Wissen Sie noch, wo es plötzlich überall zwickte und kniff? Wenn Sie zu jung oder nicht männlich sind, fragen Sie doch mal Ihren Vater, Bruder oder Mann, wie er sich die Ausmusterung erarbeitet hat!

 
Nun, diesen Aufwand wollte ich nicht betreiben. Und, ja, vielleicht muss ich mir eingestehen, dass ich zu dumm oder zu faul war, mich ausmustern zu lassen. Während ich noch unentschieden war, ob ich nun allergisch auf Gräser und Gedöns reagieren sollte oder nicht, war ich bereits als „tauglich“ für den Wehrdienst eingestuft worden. Damals stieß mir unangenehm auf, dass Mitabiturienten, die mich sportlich locker in die Tasche gesteckt hatten, nun offenbar von schwerer Krankheit befallen schienen. Aus meinem Abiturjahrgang waren es plötzlich nur noch wenige Männer, die in der Lage schienen, sich ihre Stiefel selbst zuzubinden oder ohne Einschränkungen zu atmen. Echt erstaunlich, aber absolut nachvollziehbar! Es galt als Zeitverschwendung, diese Arbeit unter Zwang zu leisten. Viele wollten sowieso Ingenieure, Juristen oder Lehrer werden.

 
Nun, so kam es also, dass ich meinen Wehrersatzdienst, unter guten Freunden auch als „Zivi“ abgekürzt, in einem Krankenhaus in Berlin ableistete. Mein Job war die kulinarische Versorgung der Stationen und die Bettenaufbereitung. Mein Aufgabengebiet war nicht anspruchsvoll für einen frischen Abiturienten, aber ich schien meine Sache halbwegs konzentriert zu erledigen. Ich sah das erste Mal bewusst Menschen, die der Hilfe anderer Menschen bedurften. Anfänglich war ich damit beschäftigt, den guten Geist der Station zu mimen. Hier ein Plausch mit einem älteren Herrn, dessen Frau ihm als Austauschpartnerin offensichtlich fehlte. Da ein Gespräch mit einer Frau, die zuhause eine fünfköpfige Familie wusste, aber durch ihren Beinbruch aus dem Verkehr gezogen worden war. Ein Zimmer weiter warteten vier Männer, die bereits alle Kreuzworträtselhefte gemeinschaftlich gelöst hatten, die es am Krankenhauskiosk zu kaufen gab, um nun vor Langeweile fast umzukommen, auf eine Unterhaltungseinlage. Es war wie Speed-Dating.

 
Mit Fortdauer meines Zivildienstes wurde ich zunehmend vom Pflegepersonal zur Hilfe bei dessen Arbeit herangezogen. Freiwillig, beidseitig. Ich war nie alleine, immer nur zusätzlich dabei. Anfangs war ich stolz, später hatte ich mit meinem Ekelgefühl zu streiten, was wichtiger sei – Selbstschutz oder Hilfe. Manchmal hatte ich auch mit mir zu kämpfen, wenn harte Schicksalsschläge menschliche Existenzen bedrohten oder ich zusehen musste, wie Menschen nicht mehr Herr oder Frau ihrer Körperfunktionen oder ihrer Sinne waren. Ich fühlte mich nie überfordert, aber an die persönlichen Grenzen geführt und herausgefordert.

 
Und dann passierte es – irgendwie: Nicht aus Mangel an Alternativen, sondern eher aufgrund des festen Willens meiner damaligen Stationsleitung hatte ich sehr bald einen Ausbildungsplatz in der Pflegeschule sicher, die an jenes Krankenhaus angeschlossen war. Eines Tages kam sie zu mir und sagte: „Markus, Du solltest mal ins Bildungszentrum gehen, Dein Vertrag liegt bereit!“ Ich war verblüfft.

 
Aber ich folgte dem Ruf und kam in eine Berufsgruppe, die ich vorher nur von außen und beiläufig wahrgenommen hatte. Meine Tante war Dauernachtwache auf einer Intensivstation, weshalb ich sie irgendwie nicht sonderlich oft gesehen hatte. Und mein Opa wurde bis ich acht Jahre alt war, von einer ambulant tätigen Krankenschwester versorgt. Das war’s!

 
Und nun kam ich in die Berufsgruppe zur Zeit des Umbruchs. Die Umstellung des Finanzierungssystems auf Fallpauschalen setzte den Krankenhäusern zu. Die ersten begannen, Stellenkürzungen vorzunehmen. Die Kolleginnen und Kollegen auf jeder Station berichteten von einer Zunahme der Patientenzahl und Mehrarbeit. Unzufriedenheit machte sich breit, die ich auf jeder Station meiner Ausbildung wahrnehmen konnte. Eine Unzufriedenheit, die in den drei Jahren merklich wuchs und die mich mehr und mehr ansteckte. Ich begann, darüber nachzudenken, warum die Pflegeprofession sich schubsen ließ, sich kaum wehrte, kaum das Wort für sich und die Patientinnen und Patienten ergriff. Nach und nach begriff ich, dass diese Berufsgruppe fundamentale Aufgaben unserer Gesellschaft übernahm, damit den Sozialstaat sicherte, aber keinen Blumentopf gewann. Niemand da draußen schien wahrzunehmen, was hier drinnen – in der Pflege – passierte. Ich musste hier raus! Ich verließ das Krankenhauswesen gleich nach der Ausbildung, arbeitete in der ambulanten Pflege – teilweise 150% und damit spürbar mehr als zu viel. Ich zog die Reißleine, um nicht vor meinem Ende zu enden. Ich hatte damals einen tollen Arbeitgeber, der meinen Weg begleitet hat und es mir leicht gemacht hat, meinen eigenen Weg zu gehen und die Pflege langsam zu verlassen.

 
Ja, nachdem ich hineingestolpert war, habe mich wieder aus der praktischen Pflege zurückgezogen. Aber nein, ich habe sie nicht hinter mir gelassen. In mir schlägt noch immer ein Herz für diesen wunderbaren Beruf. In mir schlägt noch immer das Herz für die Menschen, die Pflege betreiben, und für die Menschen, die der Pflege bedürfen. Mein Kopf arbeitet noch immer für sie. So suche ich nach Wegen, auf denen man die Pflege in Deutschland aus der Stille führen kann, die sie umgibt.

 
Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Die Probleme im Pflegesektor sind geblieben und haben sich eher noch vergrößert. Ich möchte deshalb ein obligatorisches Pflegejahr in die gesellschaftliche Diskussion bringen. Ein Pflegejahr, das Menschen die Arbeit in der Pflege von anderen Menschen näher bringt – ein Jahr lang. Männern und Frauen. Denn ich möchte in einer Gesellschaft leben, die sich auf Werte stützt: Freiheit und Gleichheit in Verantwortung – und deshalb Solidarität.

 
Wie sah Dein Weg in die Pflege aus? 
Erzähl’ von Deiner Geschichte!

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