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Pflege muss sich wieder lohnen!

Die demografische Verschiebung von Jung zu Alt ist im Gange und nimmt immer mehr Fahrt auf. Das oft gezeichnete Bild der gesellschaftlichen Alterspyramide gleicht zunehmend einem senkrechten Statistikbalken. Ist das nicht langweilige Rechenschieberei? Beileibe nicht, zumal diese gesellschaftliche Entwicklung Chancen und Risiken für viele birgt! 
Denn einerseits mehren sich, auch wenn ein zunehmendes Lebensalter bis zu einem gewissen Grad mit einem steigenden Risiko für Pflegebedürftigkeit einhergeht, die Chancen, die aus einer längeren Lebenszeit erwachsen: wir leben länger und sind länger gesund!

 
Andererseits gibt diese Entwicklung vielen Menschen die Möglichkeit, wieder Fuß im Berufsleben zu fassen. So säumen zahlreiche berufliche Um- und Quereinsteiger die professionelle Pflege. Einst war es noch der Wehrersatzdienst, der insbesondere unter jungen Männern am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn das Interesse für die Pflegearbeit weckte. 
Heute sind es nicht selten staatlich-institutionelle Programme oder die Erfahrungen privater Pflegesituationen, die Menschen mittleren Alters zur Arbeit in den Pflegeberufen bewegen. Rund 80% der beruflich pflegenden Menschen sind Frauen. Und oft sind es Frauen, die sich nach der Kindererziehung oder der Pflege von pflegebedürfenden Angehörigen, beruflich neuorientieren wollen oder neu einfinden müssen. Die Lücken in den beruflichen Lebensläufen schließen sie damit allerdings nicht. So pflegen immer mehr Menschen mit Geschichte und Lebenserfahrung, aber immer weniger mit durchgängiger Erwerbsbiografie.

 
Die eigene Erwerbsbiografie beenden die wenigsten Pflegenden in der Pflege. Nicht einmal die Hälfte der Pflegenden erreicht das gesetzliche Rentenalter im Beruf. Und obwohl immer wieder auf steigende Auszubildendenzahlen verwiesen wird, scheint dieser vermeintliche Trend den anderen nicht nachhaltig ausgleichen zu können. So ist eine Stelle in der Altenpflege bundesweit durchschnittlich 167 Tage unbesetzt, in der Gesundheits- und Krankenpflege 140 Tage. In der Altenpflege stehen 32 Arbeitssuchende 100 bei der Bundesarbeitsagentur gemeldeten Stellen gegenüber, in der Gesundheits- und Krankenpflege sind es 69. Man muss nicht sonderlich gut rechnen können, um zu sehen: Es gibt nicht genug Menschen in der Pflege. Zu schnell wächst die Gruppe der pflegebedürfenden Menschen, als dass die Pflegenden den Bedarf nach Pflege decken könnten.

 
Markttheoretisch bezeichnet man eine solche Situation, in der die Nachfrage nach Arbeitskraft seitens der Arbeitgeber das Angebot von Arbeitskraft seitens der Arbeitnehmer übersteigt, als Arbeitnehmermarkt. Theoretisch dominieren in solch einem Markt die Arbeitnehmer den Aushandlungsprozess von Arbeitsbedingungen und Arbeitsvergütung. Praktisch verhält es sich in der Pflege anders. Die Berufsgruppe weist einen niedrigen Organisationsgrad auf, der sich auch aus einem Argwohn zwischen den Akteuren der verschiedenen Pflegesektoren speist. Vielerorts arbeiten Pflegende zudem in befristeten Anstellungsverhältnissen und in einer vergleichsweise hohen Teilzeitquote, was das Zusammengehörigkeitsgefühl zerfasert. Die Formulierung einheitlicher Forderungen und die Durchsetzung gemeinsamer Interessen sehen sich so behindert.

 
Folglich haben Pflegende nicht nur mit der Deckung des gesellschaftlichen Pflegebedarfs Probleme. Immer weniger können ihren individuellen Lebensunterhalt mittels ihrer Pflegearbeit decken. Begründet wird dies darauf, dass der Lohnzuwachs in Pflegeberufen seit einigen Jahren bundesweit hinter der allgemeinen Lohnentwicklung zurückbleibt, in manchen Regionen sogar hinter der Preisentwicklung. Das entspricht einer kontinuierlichen Reallohnkürzung. Als Stützen unserer Gesellschaft verlieren professionell Pflegende somit ihre finanzielle Freiheit im Heute und ihre wirtschaftliche Sicherheit im Morgen. Es entstehen vielmehr Risiken für ihre persönliche Zukunft.

 
Denn wer heute nicht vorsorgt oder vorsorgen kann, wird auch morgen Probleme haben, gesellschaftliche Teilhabe wahrzunehmen. Schließlich gerät das gesetzliche Rentensystem durch die eingangs erwähnte demografische Verschiebung ohnehin in Schlagseite. Immer weniger Einzahlungsverpflichteten stehen immer mehr Auszahlungsberechtigte gegenüber. Um dieser Entwicklung vorzubeugen, hat der Gesetzgeber den Nachhaltigkeitsfaktor in die Rentenformel eingebaut. Dieser senkt das Rentenniveau kontinuierlich ab, um die Belastung für die einzahlenden Personengruppen zu stabilisieren. Problematisch erscheint das allerdings für Menschen, die ohnehin niedrige Rentenansprüche stellen können.

 
Und damit nicht genug, denn ein Abgleich der gesamten aktuellen Rentenformel und der Rentenanpassungsformel mit den obig erwähnten Eigenschaften der pflegerischen Berufsgruppe macht eines deutlich: Pflegende sind kollektiv dem Risiko der Altersarmut ausgesetzt. Zwei gangbare Wege liegen vor ihnen, um die eigene Situation zu entschärfen:

 
Ein Weg könnte sein, dass Pflegende privat vorbeugen. Zusatzversicherungen mildern die persönlichen Risiken ab, die sich aus der gesellschaftlichen Entwicklung ergeben.
Zu bedenken gilt allerdings, dass jene Risikofaktoren, die eine niedrige gesetzliche Rente zur Folge haben, auch die Fähigkeit privater Vorsorge hemmen. Wer also zu wenig erwirtschaftet, um später eine angemessene gesetzliche Rente zu erhalten, hat heute höchstwahrscheinlich auch zu wenig Finanzkraft, um private Zusatzversicherungen zu stemmen. Fraglich ist deshalb, inwieweit private Vorsorge die Lücke schließen kann, die eine gesetzliche Rente hinterlässt.

 
Der zweite Weg, die persönliche Situation unter dem Eindruck der demografischen Verschiebung zu entschärfen, ist die politische Einflussnahme zur Aufwertung der gesetzlichen Rente. Personengruppen wie beispielsweise das Beamtentum und Selbstständige sind keine Partizipierende des allgemeinen Rentensystems. Aber auch Menschen, die im Ehrenamt gesellschaftlich relevante Aufgaben verrichten, können hierfür bislang keinen Solidarausgleich erhoffen.

 
Die Politik ist dringend gefragt, einen gesellschaftlichen Diskurs zu moderieren und Antworten zu finden. Wichtige Leistungsträgerinnen und Leistungsträger, die Pflegende ohne Zweifel sind, dürfen keinen Nachteil aus ihrem Einsatz für die Chancen anderer Menschen ziehen. Damit die Pflegenden nicht alt aussehen, muss sich Pflege wieder lohnen!

 
Der Text ist am 15.8.2017 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe Lebenlang erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

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