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Respekt und… Pflegekammer!

Es hagelt Respektsbekundungen für die Pflegearbeit. Für viele Menschen sind Sie eine stille Heldin oder ein stiller Held, wenn Sie Ihre Angehörigen zuhause pflegen oder Ihr Geld mit der pflegerischen Versorgung von Menschen verdienen. Immer mehr Menschen erkennen, dass Pflege die Gesellschaft im Kern zusammenhält. Wer pflegt, sorgt für den Zusammenhalt. Und den braucht es – immer mehr.

 
Immer mehr Menschen werden immer älter. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen steigt. Zeitgleich schrumpft der Zuwachs durch jüngere Menschen, sodass die älteren einen immer größeren Anteil der Bevölkerung stellen. Vermutlich kennen Sie die berühmt-berüchtigte Alterspyramide, die sich Tag für Tag umschichtet, bis sie sich eines Tages umgekehrt hat und wir es auf die Spitze getrieben haben.

 
Ältere Menschen bereichern die Gesellschaft mit ihrer Erfahrung, ihrer Lebensweisheit und ihrem Kenntnisschatz. Sie erzeugen gesellschaftliche Stabilität. Normalerweise. Bedient man allerdings das Bild der Pyramide, so strotzt dieses Gebilde – auf den Kopf gestellt – nicht sonderlich vor Stabilität. Eine Entwicklung, die uns herausfordert, denn mit zunehmendem Alter steigt auch das Risiko der Pflegebedürftigkeit. Und die bindet Kräfte. Wenn uns die gesellschaftliche Basis des Sozialstaats nicht auf den Kopf fallen soll, sind spätestens jetzt Köpfchen und Antworten gefragt:

 

  • Wie kann auch zukünftig hochwertige Pflegequalität sichergestellt werden?
  • Wie viele beruflich Pflegende braucht es, um gute Pflege zu ermöglichen?
  • Wer darf beruflich pflegen? (Welche Qualifikation bringen beruflich Pflegende mit?)
  • Und was dürfen beruflich Pflegende?
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    Wer spricht für die Pflege, wenn nicht die Pflegenden?

    Viele pflegepolitische Aktivisten formulieren dazu die Frage: Wer sollte besser über die Pflege bescheid wissen als die Pflegenden selbst? Und sie sehen die Antwort in einer Pflegekammer.
    Eine Pflegekammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, gleichzusetzen mit der beruflichen Selbstverwaltung von Ärzten, Tier- und Zahnärzten, Apothekern und Psychotherapeuten. Als solche übernimmt sie hoheitliche Aufgaben. Ihr Fokus einer Pflegekammer liegt auf der Sicherstellung einer sachgerechten professionellen Pflege, die sich am aktuellen Erkenntnisstand der Pflegewissenschaft orientiert. Diesem Hauptziel ordnen sich andere Ziele unter, wie die Formulierung einer Berufsordnung, die Zertifizierung und Überwachung berufsbildender Prüfungen sowie die Sicherstellung kontinuierlicher Qualifizierung der Pflegefachpersonen.

     
    Kritiker der Pflegekammer führen ihre Ablehnung einer „Zwangsmitgliedschaft“ ins Feld. Denn um ihre Ziele zu erreichen, ist die Pflegekammer darauf angewiesen, eine Registrierung aller Pflegefachpersonen durchzuführen. Das ist allerdings international so üblich und erscheint unumgänglich, um dem steigenden Pflegebedarf eine ausreichende Anzahl geeigneter Pflegefachpersonen entgegenstellen zu können. Und das zumal man auf eine ausreichende Personaldecke angewiesen ist, um eine exzellente Pflege zu garantieren. Befürworter der Pflegekammer sprechen deshalb häufig von einer „Pflichtmitgliedschaft“, um eine Perspektive der gesellschaftlichen Verantwortung zu eröffnen.

     

    Hier schlummert ein Riese!

    Pflegende übernehmen im Gesundheitssystem eine herausragende Verantwortung. Doch wo wird diesem Umstand Rechnung getragen? Etwa ein Drittel der im Gesundheitssystem tätigen Menschen sind Pflegefachpersonen – tätig in der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege, aber auch der Geburtshilfe und der Kinderkrankenpflege. Es sind Hunderttausende bis Millionen. Hier schlummert ein politischer Riese!

     
    Doch zum eigenen Leidwesen sind viele Angehörigen der größten Berufsgruppe des Gesundheitswesens bislang nicht politisch aktiv. Insofern kann es nur wenig verwundern, dass die Pflege kaum eine politische Lobby besitzt. Und das ist deshalb so bemerkenswert, da die Politik doch eben jenen Rahmen schafft, der unsere Lebensbedingungen bestimmt. Wir alle werden eines Tages womöglich pflegebedürfend sein oder haben bereits heute Angehörige, die pflegerischer Hilfe bedürfen.

     
    Die Arbeit in Parteien, Vereinen, Gewerkschaften, Verbänden und anderen Organisationen lebt von einer verlässlichen Regelmäßigkeit des Engagements. Einer verlässlichen Regelmäßigkeit, die neben einer Schichtarbeit nur erschwert geleistet werden kann. Den erwähnten Organisationen fehlt es somit häufig an der Fähigkeit, die Probleme zu lösen. Denn nur wer die Probleme kennt, kann sie lösen.

     
    Ein markanter Vorteil einer Pflegekammer besteht insofern darin, dass Pflegefachpersonen darüber entscheiden, was die Pflegearbeit betrifft. Die Entscheidungskraft über Fragen, die die pflegerische Berufspraxis beeinflussen, liegt somit bei Menschen mit echter, da praktischer Expertise. Pflegende werden Experten in eigener Sache – und in Form der Institution Pflegekammer auch gefragte Ansprechpartner der Politik.

     

    Ein Mehr an Partizipation

    Kritiker befürchten, ein bürokratisches Verwaltungsorgan zu erschaffen, Befürworter erhoffen sich von einer Pflegekammer hingegen eine institutionalisierte Stimme aller Pflegenden.
    Es gilt wohl, dass je höher die Partizipation, desto höher zugleich der politische Wirkungsgrad der Vertreter ist. Wer also das eine befürchtet oder das andere hofft, tut gut daran, sich einzubringen, um das Notwendige nicht nur als Notnagel, sondern als Lösung zu gestalten.

     
    Menschen, die der Pflege bedürfen, profitieren von einer ausreichenden Anzahl, optimal qualifizierter Pflegender und angemessenen Versorgungsstrukturen, die am Ende fachkenntnisgetriebener Entscheidungsprozesse stehen – gefällt in einem demokratischen Prozess. In einer Pflegekammer.

     
    Politische Wertschätzung folgt gesellschaftlicher Wertschätzung. Es könnte jetzt also eine gute Zeit sein, den Heldinnen und Helden nicht nur auf die Schulter zu klopfen, sondern ihnen den Rücken zu stärken.

     
    Der Text ist am 9.3.2017 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe Lebenlang erschienen:
    Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

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