Blog

Lebenlang-Titel_5

Bewegt sich die Pflege?

„Wir haben es, Freunde! Wir sind am Ziel!“ – Ende Januar gab es für jenen Nutzer eines großen sozialen Netzwerks kein Halten mehr, der diesen Ausruf im Freudentaumel über die pflegepolitischen Entwicklungen in Rheinland-Pfalz formuliert hat. Die Anzahl der Satzzeichen und die Größe der Buchstaben verriet tiefe innere Bewegtheit über die Gründungsveranstaltung und die Zusammenkunft der Vertreterversammlung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz. 
Und er war nicht allein. Wer in diesen Tagen etwas zur Selbstverwaltung der professionellen Pflege verfasste, konnte sich zahlreicher und zustimmender Klicks und Kommentare gewiss sein. Einige Mitglieder der Vertreterversammlung, beiwohnende Politprominente und geladene Gäste genossen es sichtbar, der Welt fröhliche Bilder des Ereignisses zukommen zu lassen. 
Immer wieder war ein Wort zu lesen: Pflegegeschichte.

 
Angesichts des langen Weges, den die Pflegeprofession in dem südwestlichen Bundesland gegangen ist, kann tatsächlich von Pflegegeschichte gesprochen werden. Denn was nach einem kurzen Sprint eines in Form eines formalen Aktes klingen mag, gleicht einem Marathon des Engagements vieler Pflegender. Unzählige Pflegende haben durch Aufklärungsarbeit, Demonstrationen, Flashmobs, Gremienarbeit, Initiativen, Konferenzen, Mundpropaganda, Parteiarbeit, Veranstaltungen, Werbeaktionen, Zeitschriftenartikel oder nicht aufgezählte Aktivitäten daran mitgewirkt, dass die Pflegeprofession in Rheinland-Pfalz nun dort angekommen ist, wo sie ist.

 
„Geschafft!“, möchte man dem anfangs erwähnten Kollegen zustimmen. 
Und doch frage ich mich: Haben wir es tatsächlich geschafft und unser Ziel erreicht? 
Sicher, die Errichtung der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz ist ein riesiger Erfolg. Allen, die daran maßgeblichen Anteil haben, sei herzlich gedankt. Schließlich sagt man, mit dem ersten Schritt wäre bereits der halbe Weg gegangen. Chapéau, Kolleginnen und Kollegen, mit Ihnen geht die Pflege erste Schritte auf eigenen Wegen!

 
Es scheint, als wären wir als Pflege in Bewegung gekommen: In Schleswig-Holstein ist die Errichtung einer Landespflegekammer beschlossene Sache, in Niedersachsen steht einer solchen nur noch ein parlamentarischer Beschluss im Wege, der nach dem Kabinettsbeschluss als Formsache gelten kann. Werden diese drei Landespflegekammern realisiert worden sein, wird eine Bundespflegekammer in die Nähe des Erreichbaren rücken. Die Dynamik, die sich entwickeln könnte, könnte den politischen Druck auf die übrigen Landesregierungen erhöhen, nachzuziehen und dem Bestreben der Pflegenden ihre Unterstützung zu geben, bis schlussendlich – dem Domino-Effekt folgend – in jedem Bundesland eine Pflegekammer existent sein könnte. Deshalb sehe ich die Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz nicht als Endpunkt pflegepolitischer Entwicklung, sondern als Doppelpunkt: 
Wir müssen die Idee forcieren und ins Land tragen, 
andere Pflegekammern müssen folgen!

 
Aus diesem Blickwinkel heraus ist der große Schritt der Errichtung der Pflegekammer auf Landesebene nur ein kleiner für die Pflegeprofession auf Bundesebene, für die Pflegenden in ganz Deutschland. Eine Landespflegekammer darf nur ein Etappenerfolg sein. Denn obgleich wir weit gekommen sind, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. 
Wir, das sind alle, die wir irgendetwas mit der Pflege von Menschen zu schaffen haben: professionell Pflegende, pflegende Angehörige, Patientinnen und Patienten. Wir alle haben ein Interesse daran, dass sich die Pflegeprofession weiterentwickelt und professionalisiert, ihre Qualität verbessert und ihre Stimme für alle hörbar erhebt. 
Aber auch deshalb verstehe ich eine Landespflegekammer nicht als Endpunkt pflegepolitischer Entwicklung, sondern als Doppelpunkt: Die Errichtung einer Pflegekammer ist kein Selbstzweck. Eine Pflegekammer kann nun beweisen, für die Interessen der professionell Pflegenden einzustehen und dabei das Interesse der Gesamtbevölkerung zu bemühen, im Pflegebedarfsfall eine hohe Pflegequalität gewährleistet zu sehen. Die Reise, unsere Reise, auf neuen sollte weitergehen!

 
Ich sehe uns dabei auf- und herausgefordert, die Kolleginnen und Kollegen, die fortan in einer Pflegekammer aktiv sein werden, kritisch und konstruktiv zu begleiten und mitzugestalten. 
Dr. Markus Mai, der vorläufige Vorsitzende, hat in der Gründungsphase der Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz bei jeder Gelegenheit betont, eine Pflegekammer mit Mitmach-Möglichkeiten anzustreben. Nehmen wir ihn doch beim Wort und bringen wir unsere Fragen und Antworten, Probleme und Lösungen ein! 
Wenn wir es nicht tun, wer tut es dann?

 
Tun wir es denn? 
Denn Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Mitmach-Kammer ist eine Mitmach-Mentalität aufseiten der Pflegenden. Ich frage mich: Herrscht eine solche Mitmach-Mentalität in der professionellen Pflege vor? 
Angesichts der Wahlbeteiligung zur Wahl der Vertreterversammlung der Landespflegekammer in Rheinland-Pfalz kann jemand, der auf ein deutliches Signal seitens der Pflegenden gehofft hat, Zweifel daran hegen. Insbesondere die in der Altenpflege qualifizierten Kolleginnen und Kollegen scheinen die Wahl nicht als Chance für ihren Berufsstand betrachtet zu haben.

 
Kolleginnen und Kollegen, die bereits einige Jahre länger in der professionellen Pflege arbeiten, äußern in Gesprächen häufig ihr Misstrauen gegen Pflegende, die sich engagieren: „Was haben die denn vor?“ Andere, die sich einmal engagiert haben, meinen, gescheitert zu sein. Sie äußern deutlich ihre Resignation und die daraus resultierende Hoffnungslosigkeit, dass es nun endlich soweit wäre, dass sich die professionelle Pflege aufrechten Ganges auf den Weg machte, für sich selbst und ihre Patientinnen und Patienten einzustehen: „Das wird doch wieder nichts!“

 
Da steht die Pflege nun also zwischen Hoffen und Bangen – und kann offensichtlich nicht anders. Beinahe kann man sich an ein Sprichwort erinnert fühlen: 
„Beide – jene, die meinen, es ginge, aber auch jene, die meinen, es ginge nicht – haben beide Recht.“ 
Vermutlich wird es am Ende unserer Reise genau so sein: 
Diejenigen, die sich engagiert haben, werden feststellen, dass sie etwas bewegt haben, während diejenigen, die sich ruhig verhalten haben, vermutlich noch immer klagen werden, kein Gehör gefunden haben.

 
Wer Pflegegeschichte schreiben will, sollte Resignation und Hoffnungslosigkeit Geschichte sein lassen und mit daran arbeiten, dass Pflege Geschichte schreibt.

 
Bewegen Sie sich, um etwas zu bewegen! 
Bleiben Sie nicht länger ruhig, werden und bleiben Sie lauter!

 
Der Text ist am 07.03.2016 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe “Lebenlang” erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

No Comment

Post A Comment