Blog

Lebenlang-Titel_neutral

Sprich’ lauter, Pflege!

Und wieder wird es Herbst hienieden… Es wird dunkel, es wird kalt und es wird still da draußen. Die meisten Menschen werden ruhiger. Wir schmeißen den Ofen an, befeuern den Kamin und machen es uns mit einer Heizung warm. Viele ziehen sich vor der Kälte ins eigene Heim zurück, decken sich mit Knabbereien und Leckereien ein und mit Decken zu. Aus den Federn zu kommen, wird – im wahrten Sinne des Wortes – zunehmend schwerer.
Allmählich lockt die Weihnachtszeit mit ihren Düften und Klängen. Tradition und Werbung zeichnen uns das Bild einer Zeit, in der man sich besinnt und zur Ruhe kommt. Ach, diese Ruhe! Toll, oder?

Für viele nimmt der Stress hingegen eher zu. Denn so langsam wird es Zeit, die guten Vorsätze für das folgende Jahr theoretisch zu durchdringen, um sie – zumindest für die ersten Tage des Jahres – praktisch umzusetzen. Dazu kommt das Einkaufen von Geschenken und Essensreserven. Es soll ja alles hübsch und festlich sein, wenn die Lieben kommen. Besonders wichtig erscheint, bereits im August geklärt zu haben, wo und wie man die Silvesternacht verbringen wird. Alles schon erledigt? Hut ab!

Viele Menschen verbringen die letzte Zeit des Jahres im Kreis ihrer Familie. Tradition und Werbung geben vor, wie es zu scheinen hat: Alle essen alles auf, alle sind gut drauf und alle geben alles, um dabei zu sein. „Dabei sein, ist alles“ ist auch mein jährliches, weihnachtliches Motto, seitdem ich in der Pflege tätig bin. Und wenn ich das richtig sehe, gibt die Familie in der Tat vielen Menschen das Gefühl, einer Gruppe anzugehören.
Trotzdem treffen in manchen Wohnzimmern zu Weihnachten Gewohnheiten aufeinander, die den Rest des Jahres nicht aufeinander abgestimmt sein mussten. Obgleich es eine Familie ist, haben sich unterschiedlichen Mitglieder auch unterschiedlich entwickelt. Unabhängig voneinander sind eigene Kulturen entstanden, die eigene Wertvorstellungen nach sich ziehen und Charaktere ausbilden. Tischmanieren, Kindererziehung, Politik: Die Palette der Themen ist lang, die man zwar ansprechen darf, aber nicht immer sollte, wenn man nicht will, dass andere angeblich nicht mehr kommen können.
Da sitzen sie also zusammen, ummantelt vom Banner der Familie: Könner, Kindsköpfe, Kritiker, Karrieristen, Kramer, Korrupte, Krieger, Konservative und Kreative. Und jeder bringt sein ganz eigenes Bild von Familie, von Weihnachten und vom Miteinander in den Kreis der Familie hinein.

Man kann den Eindruck gewinnen, als wäre es in der Pflege viel nicht anders. Ich höre noch heute einen Kollegen davon berichten, dass die Pflege für ihn wie eine Familie geworden sei: „Meine Station ist mein zweites Zuhause, die Pflege meine zweite Familie!“
Manchen mag das Verhältnis mit den Kolleginnen und Kollegen damit zu eng beschrieben sein. Womöglich nehmen sie aber gerade dadurch sogleich eine Rolle ein. Oftmals idealisieren wir unsere Freiheit und sind zugleich doch Sklaven unserer Gewohnheit. Denn wer verbringt die meiste Zeit der Woche mit uns und formt somit auch unsere Gewohnheiten?

Wie passend kommt da doch der familiäre Terminus der „Schwester“ daher, oder?
Für viele Pflegende mag er überholt oder gar befremdlich sein, die sich selbst lieber als „Fachkraft“ oder als „Fachperson“ bezeichnen. Die Diskussion darum ist bereits einige Male geführt worden, immer wieder bricht sie sich Bahn. Einige sind genervt, so manches Thema immer und immer wieder zu diskutieren. Meine Überzeugung ist, dass durch den Dialog, auch wenn er sich über Jahre hinzieht, etwas Neues entsteht, das uns am Ende enger zusammenstehen und gemeinsam aufstehen lässt.

Der Narrativ der pflegerischen Emanzipation wird bislang allerdings nicht ausreichend gehört, weil er zu leise erzählt wird. Pflegepolitik ist noch zu sehr Politik auf leisen Sohlen. Beinahe heimlich werden Ideen eingebracht. Währenddessen schreien die Zustände nach Veränderung. Noch zu wenige Pflegende sehen sich als pflegepolitisch Aktive, noch zu wenige bringen ihre Ideen, Wünsche und Erfahrungen in den Dialog ein und unterstützen Kampagnen, Demonstrationen oder Veranstaltungen, die bereits stattfinden.
Dabei ist es doch so, dass je mehr verschiedene Menschen sich in der Pflegepolitik wiederfinden können, umso vielfältiger, bunter und lauter wird die Bewegung.

Pflegepolitisch Aktive tun gut daran, das Banner, das sich um die Pflege legt, nicht als Mantel des Schweigens zu begreifen und nichts zum Tabu zu erklären. Vielmehr könnten wir an einer gemeinsamen Kultur arbeiten, die ungeahnte Kräfte freisetzt. Miteinander sprechen, voneinander lernen. Zuhören und mitreden. Und füreinander sprechen.
Schaut man sich die pflegepolitische Landschaft an, kommt man nicht umhin, sich zu fragen: Kommt die Pflege zu Wort, wo gesprochen wird? Und wird da zugehört, wo die Pflege spricht? Spricht da die Pflege?
Sicherlich geht es nicht um die Gründung neuer Organisationen. Strukturen sind nur Mittel zum Zweck, die unseren Arbeitsweisen folgen. Förderlich dürfte es allerdings sein, wenn wir eine stärkere Diskussionskultur entwickeln würden.

Überzeugendes politisches Auftreten zeigt sich an überzeugten politischen Kontrahenten.
Ein Problem der aktuellen Pflegepolitik scheint zu sein: drinnen herrschen hohe Zustimmungsraten, draußen Ahnungslosigkeit. Man bleibt zu oft unter sich.

Öffnen wir doch den Familienkreis und machen wir die Pflege zu einer echten Familie, in der man sich nicht links liegen lässt, sich streiten und dennoch stehen lassen kann.

In diesem Sinne: Ruhige Feiertage!
Der Text ist am 19.12.2016 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe Lebenlang erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

No Comment

Post A Comment