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Wer bist Du, dass man mit Dir reden sollte, Pflege?

Es war ein dunkler Abend Anfang November. Aus dem Fernseher flimmerte das Bild der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ in mein Wohnzimmer. Das ZDF hatte über einen Zeitraum von zwei Monaten hinweg Erfahrungsberichte, Dokumente, Informationen, Tipps und Hinweise gesammelt, die ein realistisches Bild der Situation in deutschen Kliniken abbilden sollten. Über die Sozialen Medien ging ein Lauffeuer um, dass man als Pflegende so die Chance erhalten würde, den Finger in die wunden Stellen des Systems zu legen und die Menschen auf teilweise schier unhaltbar empfundene Zustände aufmerksam zu machen. Positiv überrascht vom medialen Interesse beteiligten sich auch professionell Pflegende mit Erzählungen, Fakten und Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag.

 
Gespannt verfolgte ich die Diskussionsrunde. 
Gespannt, weil eine weitere Diskussion zum Thema „Notfall: Krankenhaus – Wie gut sind unsere Kliniken?“ drohte, die an den zentralen Problemen der Gesundheitsversorgung vorbei geführt würde: der Erbringung und der Verteilung der finanziellen Ressourcen innerhalb des Gesundheitswesens, dem Mangel einer standardisierenden Regelung der Personalbemessung und der Quersubventionierung durch Investitionskostenzuschläge und kalkulatorische Pflegekosten. 
Gespannt aber auch, weil in den Sozialen Medien das Gerücht umgegangen war, dass der Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Andreas Westerfellhaus, nach vorheriger Einladung von der Teilnahme an der Sendung wieder ausgeladen worden war.

 
Als sich das Gerücht bestätigte, entbrannte ein teilweise wüster Sturm der Entrüstung in den Sozialen Medien. Hauptsächlich in Twitter und Facebook machten unzählige Pflegende ihrem Unmut Luft. Die Facebook-Seite der ZDF-Sendung wurde von Hunderten Kommentaren überflutet, in Twitter wälzte sich eine Welle des Unverständnisses durch die Timelines, wie die Redaktion guten Journalismus offerieren wolle, wenn sie wichtige Akteure nicht zu Wort kommen ließe.

 
Auf Anfrage hin bedauerte die Redaktion, dass die „physische Abwesenheit eines Pflegenden in der Sendung als ein Beleg für mangelnde Anerkennung oder Wertschätzung dieser anspruchsvollen und lebenswichtigen Arbeit genommen“ wurde.
So habe man sich entschieden, „die Not und die berechtigten Anliegen der Pflegenden in einem Filmbeitrag zu thematisieren“. Zudem drehte sich eine „komplette Fragerunde […] um Ursachen und Folgen der zu geringen Personalausstattung – für Pfleger und Gepflegte“. 
Weiterhin gab die ZDF-Redaktion zu bedenken, dass in einer Diskussion zu gesundheitspolitischen Fragen viele Positionen eine Rolle spielten, was die Redaktion zu einer Beschränkung der Gesprächspartner zwinge, obgleich es „gute Gründe“ gäbe, „möglichst alle Beteiligten zu Wort kommen zu lassen“. Das ZDF begründete dies mit einer „Neustrukturierung der Sendung“ und einer „Verkleinerung der Runde der Diskutanten“, in Zuge derer auch andere bereits geladene Gäste ausgeladen worden wären.

 
Der ausgeladene Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), gilt vielen in der Pflegebranche als ein Vertreter der professionell Pflegenden. Sicherlich genießt der Deutsche Pflegerat keine demokratische Legitimation im Sinne einer repräsentativen Delegation, in gesundheitspolitischen Kreisen jedoch derartiges Ansehen, dass eine Einladung in die „Maybrit Illner“-Sendung zunächst auch der ZDF-Redaktion obligat erschien. Doch einige Tage vor der Diskussionsrunde wurde Herrn Westerfellhaus ausgeladen.

 
In einem Interviewgespräch hob der ausgeladene Gast hervor, lange überlegt habe, die Umstände öffentlich zu machen. Er habe sich dann aber dafür entschieden, weil es keineswegs nur um die eigene Person, sondern vielmehr um die gesamte Pflege-Profession ginge. Er kritisierte das „Manko, dass häufig über Pflege gesprochen würde, aber keine Pflegeperson dabei wäre, nicht mit der, sondern über die Pflegeprofession gesprochen“ würde. 
Westerfellhaus sagte weiter, er wäre die „Weichspülerei“ in Diskussionen leid, wenn nicht darüber gesprochen würde, wer die Leistungen im Krankenhaus erbringe. Er frage sich, wie sich eine Diskussionsrunde um das Thema Patientenorientierung drehen könne, ohne die Sichtweise und Belange der Pflegeprofession zu berücksichtigen. 
Seit einigen Monaten ist eine Divergenz zwischen dem pflegerischen Selbstverständnis und der medialen Aufmerksamkeit auf die Situation der Pflegeprofession wahrnehmbar.

 
Mit der Einrichtung der gesetzlichen Pflegeversicherung in den 1990er Jahren hat der Gesetzgeber gezeigt, die gesellschaftliche Relevanz der Pflege erkannt zu haben. Seitdem wurde das Pflegesystem immer wieder verändert. In der laufenden Legislatur gab es bislang zahlreiche Neuerungen. Die Frage, ob es tatsächliche Veränderungen gab, die bei den Menschen mit Pflegebedarf ankommt, bleibt abzuwarten – und wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert.

 
Spannend zu beobachten ist, dass politische Entscheidungen, die eine pflegerische Versorgung der Menschen betreffen, zumeist noch immer ohne Beteiligung der professionellen Pflege getroffen werden. 
Dabei nimmt die professionelle Pflege eine zentrale Funktion in der Gesundheitsversorgung der Menschen ein. Die Pflegeprofession tritt darüber hinaus zugleich auch als Fürsprecherin für ihre Patientinnen und Patienten auf.
Pflege ist die Profession mit den höchsten Kontaktzahlen zu Patientinnen und Patienten – Einzelkontakten wie Kontaktzeiten. Damit einhergehend steigt der Informationsgrad der Pflege. Sie vereint in sich die Fähigkeit, organisationale Lücken zu schließen, Mängel zu kompensieren, andere Akteure miteinander zu vernetzen sowie Informationen von den Patientinnen und Patienten zu sammeln und zu bewerten. In der Pflege kommt zusammen, was in der Gesundheitsversorgung zusammengehört: Information und Empathie, Kopf und Herz. Wie kann man Entscheidungen ohne sie treffen?

 
Im Sommer 2015 konnte man das Gefühl bekommen, die Pflege würde eine neue und starke Emanzipationsbewegung entwickeln. 
Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sorgte an den Universitätskliniken der Charité in Berlin für eine Eskalation. Tausende Pflegende legten die Arbeit nieder und hielten einen Arbeitsstreik historischer Dimension ab, um für eine Erhöhung der Personalausstattung zu demonstrieren. Tausende Pflegende im gesamten Bundesgebiet erklärten sich solidarisch. In den Sozialen Medien wurde der Streik von einer locker organisierten Bewegung begleitet, die unter dem Hashtag #Pflegestreik auf Missstände im Pflegesektor aufmerksam machte. 
Aufmerksam auf die Entwicklungen wurden die herkömmlichen Medien, wenn überhaupt, dann nur sehr vereinzelt. Das führte nach wochenlangem Streit für ihre Profession bei einigen Pflegenden zu Ernüchterung und Frust: „Wir streiten nicht für uns, wir streiten für die Patientinnen und Patienten!“ Eine Frage, die man vielerorts vernehmen konnte, war: „Wie will man rechtfertigen, uns nicht zu zuhören?“
Wird den Pflegenden Unrecht getan?

 
Nun, Ungerechtigkeit ist ein sperriger Begriff. Es fällt schwer, den Begriff klar zu umreißen, weil jeder Mensch sie anders beschreibt. 
Ungerechtigkeit liegt immer im Auge des Betrachters. Meist entwickeln ihre Opfer eine höhere Sensibilität für sie als ihre Täter. Ungerechtigkeit wird nicht selten nur durch die Personen wahrgenommen, die dadurch beeinträchtigt werden. Die Kritik an der Ungerechtigkeit wird also zumeist von den ungerecht behandelten Gruppen erhoben – und zwar von dem Zeitpunkt an, an dem sie als bestehend empfunden wird, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Ungerechtigkeit als egalisiert empfunden wird. Die Frage, wann und wo die Grenzen der Gerechtigkeit erreicht sind, ist demnach flexibel und individuell abhängig von den Empfindungen ihrer Opfer zu beantworten. 
Folglich wird auch der Kampf gegen die Ungerechtigkeit unterschiedlich betrieben und bewertet. Empfinden die einen noch Ungerechtigkeit, sehen die anderen bereits Gerechtigkeit hergestellt. Während sich manche noch in grundsätzliche Diskussionen vertiefen, gilt sie andernorts als Konsens und umgesetzt. Es gilt mehr noch: Gleichberechtigung wird als Gleichbehandlung betrachtet, sodass Werte in Handlungsmuster übernommen werden.

 
Diese Überlegungen sind wichtig, um Verständnis für Meinungen zu schaffen, die der eigenen zuwiderlaufen. Nur so kann der Boden für eine konstruktive Streitkultur geschaffen werden. Deshalb bin ich überzeugt, dass nur, wer Verständnis für Andersdenkende aufbringen kann, die eigenen Ziele in einer Sprache artikulieren kann, die von Andersdenkenden verstanden wird. 
Jede erfolgreiche Emanzipationsbewegung bedarf einer Artikulation der Ungerechtigkeit, die erklärend wirkt und an bestehende Systeme anschließen kann. Jede erfolgreiche Emanzipationsbewegung bedarf aber auch einer Empfindsamkeit für Ungerechtigkeit aufseiten derer, die Ungerechtigkeit nicht wahrnehmen.

 
Ich hege die Hoffnung, dass sich die Zeit ihrem Ende zuneigt, in der sich unempfindsame Menschen wie die Redaktion der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“ auf den Standpunkt zurückziehen können, dass kein Vertreter die „Pflegeberufe exklusiv vertreten“ würde.
In zwei Bundesländern sind Pflegekammern erstritten worden: Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein kommen ans Ende des Weges zur institutionalisierten Pflegevertretung in Form einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. 
Die professionelle Pflege formuliert immer häufiger den Anspruch, auch offiziell und formal die Positionen zu besetzen, die sie inoffiziell und informell bereits innehat.

 
Die Frage, wer die Pflege sei, dass man mit ihr reden sollte, sollte mit deutlichen Handlungen seitens der herkömmlichen Medien beantwortet werden. 
Ich glaube, die Zeit ist reif, der professionellen Pflege Podiumsplätze in Fernsehsendungen zu reservieren, Raum in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln zu gewähren und ihr endlich mehr Gehör zu schenken.

 
Sollte sich an Ihren Empfindungen allerdings nichts ändern, 
wenn Sie in der Pflege arbeiten: Bleiben Sie lauter!

 
Der Text ist am 07.12.2015 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe “Lebenlang” erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

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