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Wie bunt treibt es die Pflege eigentlich?

Manchmal träume ich und erinnere mich zurück an meine Zeit der Pflegeausbildung. Wenn morgens um 04:40 Uhr mein Wecker klingelte, wurde mir bewusst, dass Pflegende wohl Menschen sein mussten, für die das Aufstehen kein Hindernis darstellte. Schlaftrunken startete der Tag in Routinen, ehe ich um 05:50 Uhr im Krankenhaus saß. Einheitlich in Weiß gekleidet, aber in großer, persönlicher Buntheit präsentierten sich die Pflegenden dort: Die zarte, aber bestimmte Manuela saß neben der kleinen, quirligen Yu-Yun mit bunter Haarsträhne und die wiederum neben der stabilen Olga, die für gewöhnlich das Herz auf der Zunge trug. Wir alle lauschten dem bärtigen Romeo, während er in lässigem Tonfall berichtete, wie er die Nachtschicht mit rund 40 pflegebedürfenden Menschen erlebt hatte.

 
Jeden Tag passierte dasselbe, nur mit anderen Gesichtern. Vielleicht kennen Sie das, was dann folgte. Denn vielleicht gehört es zur täglichen Routine der Pflege: Nach dem fachlichen Austausch ging man beinahe automatisch in eine Diskussion über persönliche Empfindungen zum deutschen Gesundheits- und Pflegesystem über. Ich habe es damals immer als eine „bunte, schwung- und machtvolle, aber zurückgezogene Revolution“ gesehen. Die Pflege war aktiv, während andere noch schliefen oder begannen, ihrer Zeit hinterherzulaufen. 
Beeindruckt von der Wucht, mit der ich in den Schichtübergaben konfrontiert worden bin, habe ich in dieser Zeit mit anderen Auszubildenden den Berliner Pflegestammtisch gegründet. Mein Ziel war es, diese tägliche Routine zu überwinden und Pflegende dazu zu bringen, auch zu Zeiten den Mund aufzumachen, zu denen andere Menschen nicht noch oder nicht schon auf ihren Ohren liegen. Ich war überzeugt, dass man nicht mehr auf eine Sache hoffen könne, als für sie gearbeitet zu haben. Wenn die Pflege eine Stimme haben will, muss sie sich selbst Gehör verschaffen.

 
Jede und jeder Pflegende hat die Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren. In den Folgejahren nach meiner Ausbildung habe ich zahlreiche aktive Pflegende kennengelernt. Während Kolleginnen und Kollegen noch eher die Übergabezeit für eine Art Pflegestammtisch nutzen, kämpfen andere für eine bessere Pflegepolitik. 
Heimliche Veränderer der Pflegebranche zeigen Möglichkeiten des pflegepolitischen Engagements auf.

 
Eine Möglichkeit, sich für eine politische Stärkung der professionellen Pflege einzusetzen ist die Initiative Pflege am Boden. Als großes Ziel im Rahmen von zehn Kernforderungen formuliert die Gruppierung „bessere, menschenwürdige Pflege und menschenwürdige Arbeitsbedingungen“. Auf „Pflege am Boden“ sei er über Facebook aufmerksam geworden, sagt Markus Oppel, der heute selbst die Hauptseite der Bewegung in dem sozialen Netzwerk administriert. Ein Engagement bei „Pflege am Boden“ sei „niedrigschwellig, kostenlos und mit viel Unterstützung“ möglich, sodass man schnell den Aufbau einer „lokalen Zelle eigenverantwortlich planen“ könne, so Oppel.

 
Sandra Leurs engagiert sich in der AG Gesundheitspolitik der Piratenpartei Deutschland für politische Belange ihrer Profession, der Pflege. Die Ziele der Arbeitsgemeinschaft sind die „Bereitstellung von Expertise und Arbeitskraft im Hinblick auf gesundheitspolitische Fragestellungen“ für die Partei, sagt Leurs. Langfristig nimmt sie die „Erarbeitung eines konsistenten Entwurfs für das deutsche Gesundheitssystem“ in den Fokus. Da die Piratenpartei eine „Mitmachpartei“ sei, könne jeder wie sie über einen so genannten „Stammtisch“ in die aktive Pflegepolitik kommen.

 
In einem saarländischen Klinikum hat Heide Schneider ihr pflegepolitisches Betätigungsfeld für sich entdeckt. Sie sei Betriebsrätin geworden, weil sie sich schon immer für diejenigen engagiert habe, „die nicht gut für sich selbst sprechen“ könnten, meint Schneider. Ihr Ziel sei es, „Pflegekräfte auf ihre Recht aufmerksam zu machen“. Sie fordert Pflegende auf, informellen Kontakt zu ihrem Betriebsrat zu halten und ihn zu stärken. Der könne sich beispielsweise für „bessere Arbeitszeitmodelle und eine Pausenablösung“ einsetzen.

 
Björn Menna und Nancy Schoenfelder nutzen die Sozialen Medien für ihr pflegepolitisches Engagement. So sei es dort möglich, anonym den „Finger in die Wunde“ zu legen, meint Menna. Seiner Ansicht nach habe die Pflege eine unterentwickelte Fehlerkultur, die Querdenker schnell zu „Nestbeschmutzern“ mache. Seine Hoffnung sei, in digitalen Netzwerken eine „kritische Masse“ zu bilden, die eine „Sprachlosigkeit der Pflege“ zu überwinden helfe. 
„Twittern? Das kann doch wohl jeder!“, sagt Schoenfelder. Wer Pflege als „Beruf mit Leidenschaft“ verstehe, sollte „nie aufhören und den Mund halten“, so Schoenfelder.

 
Felix vom Blogportal Anerkennung Pflege mahnt, die Pflege sei noch zu wenig vernetzt. Sein Webprojekt ziele darauf ab, die Pflege „schneller, flexibler und in den digitalen Medien präsenter“ zu machen. Blogs wie der seinige würden zum „gegenseitigen Austausch anregen“. Jeder habe so die Möglichkeit, Beiträge ins Internet einzubringen. Ein Pflege-Forum diene dem anonymen Austausch zu besonders brisanten Fragen der Pflegepolitik, aber auch des Pflegealltags.

 
Mich ermutigen Menschen wie diese, die rund um die Uhr und quer durch Deutschland verteilt für die Pflege aufstehen. Wer vermeintliche Erfolge der pflegepolitischen Geschichte wie die Errichtung der Landespflegekammern verstehen will, sollte nicht auf das Ende schauen, sondern auf den Anfang. Am Anfang sind es immer Pflegende die aufstehen, Licht machen, während ringsum Dunkelheit herrscht und ihre Profession emanzipieren. Und Sie, schauen Sie noch zu?

 
Engagieren Sie sich, treiben Sie es bunt und werden Sie Lauter – für die Pflege!

 
Der Text ist am 28.05.2016 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe Lebenlang erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

1 Comment

  • sabine

    ich kenne die Möglichkeit der Initiative Pflege am Boden. Allerdings müsste sie sich verstärkt europaweit für das Problem politisch einsetzen. Leider ist da zu wenig koordinierte ARbeit vorhanden und ich bin aus diesem Grund eher ein wenig skeptisch was den Erfolg betrifft. Man sollt die Hoffnung aber nicht aufgeben und optistisch sein. Trotz der eu weiten Unterschiede ist das Problem doch überall das gleiche oder nicht?!

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