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Wie kommt man eigentlich in die Pflege – und wie wieder heraus?

Pflege ist eine herausragende Tätigkeit.
Menschen, die ihr nachgehen, schwanken zwischen Lobeshymnen auf die Arbeit als solche und Wehklagen über die Arbeitsbedingungen. Viele Menschen antworten einem auf die Berufsangabe „Pflege“ mit Respektsbekundungen wie: „Das könnte ich nicht!“
Trotzdem scheinen Millionen von Menschen als pflegende Angehörige durch enorme Leistungen das zu schaffen, was eigentlich niemand zu können meint. Hut ab und herzlichen Dank für diesen Einsatz, den größtenteils noch immer Frauen erbringen! 
So glaubt manch einer in diesen Menschen den größten Pflegedienst der Bundesrepublik entdeckt zu haben, während sich Parteipolitiker, die in Sachen Pflege selbst offenbar allzu grün hinter den Ohren sind, zu jener unvergleichlich kurzsichtigen Aussagen hinreißen lassen: „Pflegen kann jeder!“

 
Pflege stellt hohe Anforderungen an die physische und psychische Verfasstheit der Tätigen. Wer pflegt, ist hart im Nehmen und doch weich im Geben. Wer pflegt, lernt viel über sich selbst, das Leben und den Menschen. Kaum eine Arbeit lässt Menschen so eng zusammenrücken und beisammenstehen wie die Pflege – als Gepflegte, Pflegende und Gesellschaft. 
Die Frage, wie wir leben wollen, wenn wir alt, krank oder hilfebedürfend sind, treibt uns gesellschaftlich zunehmend um. Eng mit dieser Frage verknüpft ist jene nach den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen – Ressourcen in Form von Moneten, Mitteln und vor allem Menschen. 
Wer wird uns mich mal pflegen?

 
Wer beruflich pflegt, sollte eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen haben. Wer die schon hat, weiß, wie wertvoll – und teuer – die eigene Arbeitskraft sein kann, nicht nur für andere, auch für sich selbst. Denn nach den Straßenbauarbeitern werden Pflegende hier in der zweithöchsten Kategorie eingestuft. Das Risiko, durch die Ausübung der Pflegetätigkeit selbst einmal arbeitsunfähig und gar pflegebedürfend zu werden, ist offensichtlich immens und durch Zahlen belegt. Pflege ist wichtig und kann schön sein, Pflege ist aber auch gefährlich.

 
Immer häufiger sind Stimmen zu hören, die vor einer Zahl pflegebedürfender Menschen warnen, die historisch Dagewesenes in den Schatten stellt. Wer allerdings nur darauf schaut, wie man eine ausreichende Zahl von Menschen in das Pflegesystem hineinlotsen kann, übersieht offenbar, dass zeitgleich und schier unbemerkt ein Exodus an Pflegefachpersonen im Gange ist, der in der Geschichte seinesgleichen sucht. Geschichten hierzu finden sich in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #Pflexit. Und es scheint fast, als würden es immer mehr…

 
Wer dabei noch immer nur auf Zahlen schielt, tappt vermutlich im Dunkeln.
Viel wichtiger noch als die einfache Anzahl der pflegenden Menschen ist ihre Bildung zu anzusehen. Denn mit den abwandernden Pflegefachpersonen verlässt Fachwissen das Pflegesystem, das doch eigentlich dringend gebraucht würde. Jeden Tag! 
Viele Pflegende werden durch eine schmalspurige Ausbildung und als Folge eines Sanktionsdrucks öffentlicher Institutionen in eine Tätigkeit in der Pflege hineingedrängt, die fortlaufend an Komplexität zunimmt. Was nützen also noch so viele Pflegende, wenn da niemand ist, der Verantwortung übernehmen kann und übernehmen darf und womöglich übernehmen will?

 
Wer Verantwortung übernimmt und qualifizierte Arbeit leistet, hat mehr gesellschaftliche Anerkennung und bessere Entlohnung verdient als bislang. Es muss demnach Sorge dafür getragen werden, dass, wer heute der Arbeit in der geringer bezahlten Pflegehilfe nachgeht, nicht Gefahr läuft, morgen oder übermorgen in eine Altersarmut zu gleiten. Die Pflege ist die Hüterin des Sozialstaats. Wer nach seinem gesellschaftlichen Engagement in der Pflege am Ende mit leeren Händen dasteht, klagt diesen Staat vermutlich zurecht in seinen Grundprinzipien an. Der Pflegeberuf muss deshalb an Durchlässigkeit für Aufsteiger gewinnen, die sich aufgrund ihrer Bildung und ihres Engagements dafür eignen, mehr Verantwortung für den Pflegeprozess zu übernehmen. Der Staat ist aufgefordert, für einen umfassenden Schutz von pflegenden Menschen zu sorgen.

 
Gute Pflege braucht eine hohe Qualifikation, die es den Pflegenden ermöglicht, die Herausforderungen zu meistern, die jetzt schon bestehen, aber auch die, die noch kommen werden. Die Politik muss Wege finden, wie man die Pflegeausbildung reformieren kann. So muss der Pflegeberuf an Attraktivität gewinnen, jedoch kein Fachwissen verlieren. Er muss durchlässig und zugleich qualitätsgesichert sein. Darüber hinaus muss überdacht werden, wie man die Pflege als Berufsgruppe in ein Pflegesystem einbinden kann, das zukunftsfähig ist und den Menschen ins Zentrum rückt.

 
So stellt die Pflege in diesem Zusammenhang die Frage „Drinnen oder draußen?“, indem sie die Frage nach der gesellschaftlichen Teilhabe stellt – für die Pflegebedürfenden und die Pflegenden zugleich. Wer heute politisch keine Antworten findet, dem sollte man für morgen nicht vertrauen.

 
Ich vertraue auf Sie, die vielen Menschen, die Pflege entgegennehmen und Pflege geben. Es ist an Ihnen, das Gemeinwesen darauf einzustellen, dass es jedem Menschen die Zuwendung gewährt, die er braucht, um sich am Gemeinwesen zu beteiligen. Kommen Sie aus Ihren Pflege-, Betreuungseinrichtungen, Wohnungen, Häusern, Residenzen, Heimen und Kliniken heraus, um dafür einzustehen! Stehen Sie dafür ein, dass Pflege ein integrierender und kein ausschließender Faktor unserer Gesellschaft ist, bleibt und wird!

 
Ein reformierter Pflegeberuf kann und wird nur der Anfang sein können. Fragen Sie Ihren Abgeordneten, was er in den kommenden Jahren tun will, um den Pflegeberuf und damit die Pflege zu stärken! Die Menschen in diesem Land haben eine herausragende Pflege verdient. 
Werden Sie lauter!

 
Der Text ist am 13.09.2016 im Lifestylemagazin für Pflegeberufe Lebenlang erschienen:
Link zum Artikel auf der “Lebenlang”-Webseite

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