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Tor des Vernichtungslagers

#Auschwitz70

Auf Twitter war der Hastag des Tages #Auschwitz70. Warum?

Heute vor 70 Jahren wurden die Konzentrationslager in Oświęcim (zu Deutsch: Auschwitz) befreit. Ein solcher Tag mahnt dazu, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden sind, niemals zu vergessen. Deshalb finden zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt, deshalb haben die Vereinten Nationen diesen 27.Januar zum Gedenktag für die Opfer des Holocausts erklärt. Im Gegensatz zu manch anderen Tagen, denen Geschichtsträchtigkeit nachgesagt wird, birgt dieser Tag, meines Erachtens nach, unbeschreibliche Emotionen und gewaltiges Entwicklungspotenzial für die Menschheit, hin zu einer besseren Welt.

 

Auschwitz ist und bleibt unvergessen

Mich erinnert dieser Tag an meinen Besuch der ehemaligen Lageranlagen.
Die Eindrücke waren damals aufwühlend und haben bis heute noch immer Nachhall. Immer wieder stellte ich mir die Frage, wie der Mensch dem Menschen derartig Schlimmes antun konnte. Es ist nicht geschehen, es wurde getan. Die Sperrzone um die Ortschaft, die Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung und die Erweiterung des Stammlagers um das Vernichtungslager zeugen von einer Systematisierung der Gewalt. Ruhe und Ordnung der Durchführung deuten auf jene Banalität des Bösen hin, die Hannah Arendt beschrieb. Und eben jene ist es, die mich als Besucher der Lageranlagen unserer Tage schockiert. Konnte die Entfremdung von der Arbeit Menschen formen, die ihrem Pflichtbewusstsein folgend nicht mehr wahrnahmen, was sie taten? Wie konnten Menschen, die abends zu ihren Frauen und Kindern zurückkehrten, tagsüber Familien auseinanderreißen? Welche Macht der Welt konnte stärker sein als die der Mitmenschlichkeit, dass nur wenige, viel zu wenige widerstanden? Was war mit dem Volk der Dichter und Denker geschehen? Wie konnten einstmals in der Durchsetzung befindliche Werte der Aufklärung erneut ins Hintertreffen geraten? Wie konnte ein Staat menschliche Existenzen – auf der Opfer- wie auf der Täterseite – zerstören, zu deren Schutz er doch bestehen sollte?

Wer im Stammlager Auschwitz die bedrückende Enge, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau dann die überwältigende Weite erfahren hat, erahnt nicht nur, nein, er sieht und fühlt, welche Ausmaße das Unrecht an dieser Stelle genommen hat. Man kann es vielleicht mit dem Kopf verstehen, aber man kann es fühlen, wenn man es gesehen hat. Keine Fotografie kann diese Empfindungen hervorrufen, einzig die Gefühle erneuern, die man hatte, als man dort war. Und so wirkt ein solcher Gedenktag als wahrer Gedenktag.

Einerseits ist es ganz offensichtlich ein Gedenktag für die Opfer von damals.
So groß das Leid war, so schwer wiegt die Schuld. Für mich erscheint diese Schuld unwägbar. Nichts ist mit dem vergleichbar, was dort getan wurde.
Ich verneige mich als Angehöriger eines Volkes, das einen Großteil der Täter von damals hervorgebracht hat, vor den Opfern, die diese Grausamkeit erfahren und in deren Folge ihr Leben lassen mussten.

 

 

Anstand beugt sich nicht, Anstand beugt vor

Andererseits gilt es wohl, jener Werte zu gedenken, die unsagbarer Grausamkeit vorbeugen. Mit jeder Faser seines eigenen Seins muss man sich als aufrechter und anständiger Mensch jeder gesellschaftlichen Tendenz widersetzen wollen, die jene Untaten vergessen machen, gleichsetzen oder gar wiederholen möchte. Dabei sehe ich mich von Theodor Adorno inspiriert:
„Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten. Ich fürchte mich vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“

 

Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten?

Denn es scheint, dass jenen tödlichen Verbrechen an der Menschlichkeit eine institutionelle Ermächtigung vorangeht, die sich in Licht kleidet, obgleich sie sich der Lüge bedient. Ich bin mehr als beunruhigt, wenn staatliche Mandatsträger, die sich einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet haben, den Abbau von Grundrechten befürworten. Sicher, wir leben in Zeiten des internationalen Terrorismus. Nur kommt darin manch ein persönliches Wertesystem auf den Prüfstand.
Die Angst knabbert an der Freiheit, Überwachungsmaßnahmen haben Konjunktur. Allzu oft hört man die Floskel:
„Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.“

 

Nun, wer das sagt, mag das ernst meinen, den größeren Zusammenhang aber nicht durchschauen. Privatsphäre ist das Ass im Spiel um die Freiheit. Denn die Aufgabe von Grund- und Bürgerrechten zugunsten eines möglichen Gewinns an Sicherheit setzt eine Dynamik in Gang, an deren Ende es weit darüber hinaus geht, welche Informationen man persönlich als schützenswert erachtet.

 

Schauen wir in jene Zeit zurück, deren Opfern wir heute gedenken, entdecken wir, dass die Nationalsozialisten am 28.Februar 1933 die Grund- und Bürgerrechte abschafften (Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat). Im Kampf gegen die Kommunisten waren ihnen Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit hinderlich. Ebenso das Recht auf Privatsphäre. Keine Woche später errangen sie die Mehrheit im Reichstag, der damit seine letzte Wahl im Mehrparteiensystem erlebte. Deutschland glitt aus einer Demokratie in eine Diktatur.

 

Es ist nicht lange her, dass dem Holocaust Menschen zum Opfer fielen, die vielen Menschen unserer Zeit in gewisser Weise ähneln. Es waren Menschen, die nicht für möglich hielten, was außer Kontrolle geratene Staatsmacht vollziehen könnte. Es begann einst mit der Abschaffung von Grund- und Bürgerrechten. Und auch heute sind historische Parallelen in der Entwicklung erkennbar.
Allerdings sind es keine Hirngespinste von Verschwörungstheoretikern, so genannten „Truthern“ oder Verrückten, sondern tatsächliche Geschehnisse, die passieren, während Sie diesen Text lesen. Diese Geschehnisse können auf Grundlage beinahe täglicher Veröffentlichungen von Material des Whistleblowers Edward Joseph Snowden als erwiesen betrachtet werden.

 

Die Freiheit ist umringt, also ringt um sie!

Es ist an der Zeit, jenen Kräften, die Freiheit und Existenz des Menschen bedrohen, gemeinsam entgegen zu treten. Menschen beinahe jeder Religion, jeder Ethnie, jeder Hautfarbe, jeder sexuellen Orientierung sind für die Werte gestorben, die uns die Freiheit garantieren, die uns vor einem übermächtigen Staat schützt. Es sind Werte, die uns manch einer nehmen möchte, um uns – paradoxerweise – Sicherheit zu versprechen. Wir können und sollten nicht wollen, dass diese Kräfte erfolgreich sein werden!

 

Ich rufe jenen Opfern, die diese Schande der menschlichen Geschichte, der wir heute gedenken, überlebt haben, zu:
„Euer Opfer ist mein Ansporn! So sei Euer Blut das Gießwasser für eine Welt, in der sich Menschen als Brüder und Schwestern begegnen, sich helfen in der Not und annehmen, wie sie sind: frei, gleichwertig und gleichberechtigt!“

Merke:

Never_Again

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